Merlin verbrachte den Winter in Portugal für einen verlängerten Urlaub. Gerade, wenn es einem selbst so gut geht und man Zeit zum Reflektieren hat, merkt man, dass es eigentlich eine Menge zu tun gibt. So ging es auch ihm und als er nach Berlin zurückkehrte, wusste er, dass er helfen wollte. Er informierte sich auf unterschiedlichen Seiten, googelte „Volunteers Lesbos“ und wurde schließlich fündig bei „I am you„. Via Excel-Sheet fand er heraus, dass Koordinatoren gesucht wurden. Lange Rede, kurzer Sinn: Er packte seine Sachen und machte sich los nach Griechenland. Wir haben mit ihm gesprochen, während er im Flüchtlingslager Ritsona war.

Erzähl doch mal wie du die Freiwilligenarbeit in deinem Leben unterbringst?

Ich habe meine Arbeitsstelle auf 25% zurückschrauben lassen, sodass ich nur einige Stunden täglich auf Distanz arbeiten muss. Das einzige, das ich derzeit zum Arbeiten benötige ist ein Laptop und Internet. Als Koordinator für „I am you“ brauche ich genau die selben Arbeitsgeräte, sodass es sich hervorragend ergänzt. Anfangs arbeitete ich ohne Bezahlung, da ich nun aber seit über vier Monaten hier arbeite, bekomme ich eine kleine Aufwandsentschädigung, um mir zum Beispiel Lebensmittel zu kaufen oder anteilig Miete im Helferhaus bezahlen zu können.

Was war denn dein erster Eindruck, als du ins Flüchtlingslager kamst?

Die Organisation hatte bereits ganze Arbeit geleistet und insgesamt waren die Umstände wesentlich mehr geordnet, als ich erwartet hatte. Zumindest war für regelmäßiges Essen gesorgt, sowohl in Lesbos als auch in Ritsona. Man darf natürlich nicht vergessen, dass gerade in Lesbos sehr viele Hilfsorganisationen vor Ort sind und viel Energie in das Lager gesteckt haben.

Aufnahmelager Lesbos

Zeltlager Lesbos

Wie fing denn deine Arbeit an?

Als ich im Februar 2016 nach Lesbos kam, war das Leben für Flüchtlinge sehr viel geregelter, als ich es nach Medienberichten erwartet hätte. Aus Erzählungen meiner Kollegen weiß ich aber, dass es in den Monaten zuvor erschütternd gewesen sein muss. Bei meiner Ankunft war eine Vielzahl von Organisationen auf Lesbos tätig. Die notwendigen Aufgaben waren hervorragend verteilt: Mehrere Organisationen hielten an den SträndenWache, um bereit zu sein, wann auch immer ein Boot über das Mittelmeer ankam. Andere haben Spenden sortiert und organisiert. Wiederum andere haben dreckige Kleidung und Laken gewaschen. Dafür wurden natürlich helfende Hände und eine Menge Zeit benötigt. IAMYOU war hauptsächlich im Erstaufnahmelager Moria tätig und für die Unterkunftsverteilung zuständig.

Was waren denn die größten Schwierigkeiten?

Auch wenn wir es uns nur schwer vorstellen können, gibt es auch unter den Geflohenen Rassismus. Außerdem wollen Frauen und Männer selten gemeinsam untergebracht werden. Bei der Verteilung der Schlafplätze musste also penibel darauf geachtet werden, dass Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten und Geschlechts nicht in gemeinsame Zelte zugeteilt wurden. Gerade bei der Verteilung der Unterkünfte sind alleinstehende Männer die Verlierer, sie können oftmals am wenigsten bedacht werden. Im März diesen Jahres kam es noch dazu zu einem drastischen Wandel in Lesbos durch einen Flüchtlingsdeal, weshalb das Lager in ein Gefängnis bzw. Internierungslager umgewandelt wurde. Das hatte zur Folge, dass wir unsere Sachen packen und gehen mussten. Seither bin ich in Ritsona.

Aufenthaltsbereich Lesbos

Zwischen den zelten in lesbos

Wie kann man sich das Lager in Ritsona vorstellen?

Das Lager liegt mitten im Wald, weit weg von jeder Zivilisation. Die offenen Zelte werden des öfteren von Schlangen besucht. Die Sanitäranlagen sind katastrophal, es gibt kein fließend Wasser, das Essen ist miserabel. Wir erwarten, dass das Lager gut zwei Jahre bestehen wird und die Umstände ändern sich nur schleppend langsam. Das schlechte Essen könnte man prinzipiell leicht ändern, da es Bäcker und Köche unter den Geflohenen gibt, aber die Rohstoffe und, wie gesagt, das fließend Wasser fehlen.

Es gibt eine extrem hohe Anzahl von Schwangeren (von 600 Frauen hier sind über 30 schwanger), diese und die vielen Kleinkinder werden zum Glück von einer anderen Organisation mit ausgewogenerer Ernährung versorgt, aber für den Restbleiben nur die vom Militär bereitgestellten verkochten Nudeln mit ungewürzten Soßen – und das für die nächsten zwei Jahre…

Registrierungsstelle Lesbos

Sanitäranlagen Lesbos

Woran mangelt es denn am meisten?

Am Internet! So unglaublich es klingt: Alle benötigen Internet. Möchte man sich registrieren oder ausreisen, muss man zuvor ein Skype-Interview führen und die nötigen Unterlagen einschicken per Mail. Ohne Internet sitzen die Geflohenen faktisch fest. Außerdem gutes Essen und leichte, bedeckende Kleidung für Frauen. Und an Transportmöglichkeiten zur nächsten Stadt oder zum Strand. Der Bürgermeister hat sich geweigert, einen Busverkehr einzurichten. Wir versuchen nun, so oft es geht, Shuttleservices anzubieten, damit zumindest ein Teil der Flüchtlinge auch mal aus dem Lager rauskommt.

Wie kann man helfen?

Wie jeder von uns mangelt es massiv an Unterhaltung, gerade die Jugendlichen langweilen sich. Wir haben schon Sportturniere veranstaltet und man sieht richtig, wie sie aufblühen. Die Kleinkinder sind gut mit Spielzeug versorgt, werden psychologisch betreut, aber bei den Teenagern gibt es nichts dergleichen. Jedes Freizeitprogramm würde angenommen werden: Yoga, Schach, Volleyball, Karten, Fernsehangebote – sie brauchen Ablenkung und Unternehmungen jeglicher Art. Damit würde man ungemein helfen.

Aufenthaltsbereich in Lesbos

Was war das krasseste, das du erlebt hast?

Das war in Lesbos bei einem Nachtdienst. Es war kalt, nass und es kam gerade wieder ein Boot am Strand an. Mit Bussen wurden die Geflohenen ins erste Aufnahmelager für die Registrierung durch die griechischen Behörden gebracht. Dort traf ich eine junge Mutter mit zwei Kindern, die beide schliefen. Sie hatte sehr viel Gepäck dabei und trug alles, inklusive ihrer zwei Kinder alleine. Ich half ihr dabei und hatte echt schwer daran zu buckeln. Ich frage mich bis heute, wie diese junge Frau all das alleine schaffte.

Helferzelt Lesbos

Wie würdest du die Menschen beschreiben, die du bei „I am you“ kennengelernt hast?

Sie sind grandios, haben große Herzen, warm und herzlich. In nur sechs Monaten wurde enorm viel erreicht, was sicher auch an den guten Kontakten der Gründer liegt. Sie gehören zur Musikszene in Hollywood, sodass zumindest finanziell gut ausgesorgt ist. Das bedeutet auch, dass man als freiwilliger Helfer, wenn man länger als drei Wochen bleibt gut versorgt ist. Wir müssen uns aber nichts vormachen, es ist harte Arbeit und Stress, denn es gibt viel zu tun. Außerdem schwelgt man nicht im Luxus und teilt sich mit vielen anderen Helfern die Zimmer. Aber die Erfahrung lohnt sich ungemein. Die Helfer kommen aus Schottland, England, Neuseeland, Deutschland, Italien, Spanien und Schweden.

Möchtest du abschließend noch etwas loswerden?

Ja: Europa muss mehr machen. Griechenland wird gefühlt so im Stich gelassen und das, wo die Griechen so viele eigene Probleme zu bewältigen haben.