Klaus hilft im Landkreis in der Region Alfeld hauptamtlich bei der Unterbringung von Geflüchteten. Wie das überhaupt abläuft, was für schöne und bedrückende Momente er erlebt hat, erzählte er uns im Gespräch:

Wie kam es dazu, dass du in Zeiten der Flüchtlingsströme hilfst?

Ich war bereits im Ruhestand, als der Anruf kam, ob ich nicht hauptamtlich helfen möchte, die Geflüchteten unterzubringen. Das war zu der Zeit, als die Massen kamen, im Dezember 2015. Das bedeutete natürlich auch, dass kaum Zeit zur Einarbeitung blieb. Es musste direkt angepackt werden.  Als hauptamtlicher Sozialarbeiter in der Verwaltung kümmere ich mich um die Anmietung und Ausstattung von Wohnungen. Dazu gehört auch bei Nachbarschaftsproblemen zu vermitteln. Nun ist es in den ländlichen Gebieten so, dass es zumindest Wohnraum gibt, anders als in Berlin. Das bedeutet, dass man kleine Gruppen unterbringen kann. Bringt man einzelne Familien in Gemeinden unter, ist die Akzeptanz ganz anders, als bei großen Flüchtlingsunterkünften. Die kommen ohne Sicherheitsdienst nicht aus, denn auch unter den Geflüchteten gibt, wie auch bei uns, Kriminelle. Außerdem sind die Mietpreise ganz anders. In Niedersachsen liegen die durchschnittlichen Mieten bei 4,50 pro Quadratmeter. Diese Miete wird vom Landkreis bezahlt.

In den Stoßzeiten wurden auch Wohnungen in desolaten Zuständen angemietet und aufgemöbelt. Nun darf man aber nicht denken, dass das eine optimale Lösung ist, alle Flüchtlinge dort unterzubringen, wo es Wohnraum gibt, denn in den ländlichen Gegenden mangelt es an der Infrastruktur. Es gibt dort wenig bis nichts zu tun. Auch die Geflüchteten möchten an zentralen Orten wohnen. Sehr viele Syrer sprechen gutes Englisch und wollen arbeiten und sich integrieren. Vor allem die jungen Menschen lernen sehr schnell und haben beeindruckend tolle Umgangsformen. Die Kinder lernen sehr schnell Deutsch und finden sich gut in der Schule ein und haben schon in dem ein oder anderen Gespräch als Übersetzer fungiert.

Was ist deiner Meinung nach ein besonders großes Problem?

Die Ungewissheit, die quälende Ungewissheit. Können die Familien zusammengeführt werden, wie lange werden die Familien in einer bestimmten Unterkunft bleiben können, wie geht es generell weiter? Das Bundesamt für Migration kommt mit den Anträgen nicht hinterher, vor allem bei den Massen, die über die Balkanroute kommen. Afghanen, Iraker, Syrer, Schwarzafrikaner aus Mali und Geflüchtete aus Libyen, die über das Mittelmeer kommen. Die Situation in Syrien ist schon sehr fordernd. wird aber weiter verkompliziert durch Die Menschenmassen aus dem Balkan. Die Asylanträge von ihnen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt, weshalb man versucht die Lage zu entspannen, indem man sie direkt in einem Grenzlager auffängt und von dort mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zurückschickt.

Immer wird von den Flüchtlingsströmen gesprochen, dass es an Unterkünften mangelt, aber keiner spricht von der Integration der Flüchtlinge. Es ist schade zu sehen, dass viele arbeitstüchtige und vor allem arbeitswillige junge Männer zum Beispiel aus Syrien zu uns kommen, aber ohne die Formalitäten nicht arbeiten dürfen. Das sorgt für ein hohes Frustlevel. Sie kamen mit der Vorstellung, dass man hier nur auf sie wartet und es Arbeit ohne Ende gibt. Die Realität sieht aber anders aus.

Gab es ein besonders schönes Erlebnis?

Die Gemeinde Freden hat sich als sehr aufgeschlossen gezeigt. Dort erhielt ich Übersetzungshilfe eines ehemaligen Asylanten aus dem Iran, der eine Dönerbude betreibt. Aber nicht nur das, er hilft auch beim Ausbau der Wohnungen. Zunächst wurden die Wohnungen nur sehr billig ausgestattet, das muss nun aber nach und nach ausgetauscht werden, da viele Möbelstücke beschädigt sind.

In Alfeld gibt es noch alte Bergarbeiterhäuser, im Prinzip wie eine Reihenhaussiedlung. Natürlich gab es aus der Nachbarschaft zunächst Vorbehalte. Schlussendlich haben sie aber eine syrische Familie, die dort einzog, mit selbstgebackenen Keksen und Kuchen begrüßt.

Gab es denn auch besonders schwierige Situationen?

In einer Familie aus Syrien war der Vater psychisch krank. Die Unterbringung im ländlichen Bereich war nicht optimal, da er Zugang zur ärztlichen Versorgung dort nur eingeschränkt möglich ist, weswegen wir uns bemühten ihn anders unterzubringen. Er litt an Halluzinationen, phantasierte und hatte starken Schlafmangel. Seine Wahnvorstellungen waren so ausgeprägt, dass irgendwann sogar seine Kinder beschrieben seltsame Dinge zu sehen. Mein iranischer Freund hat zwar beim Übersetzen helfen können, verstand aber das Problem nicht ganz.

Was sind die größten Probleme in puncto Zusammenleben?

Tatsächlich ist die Mülltrennung ein Zankapfel: Die Geflüchteten haben es nie gelernt. Ein paar Nachbarn haben sich die Zeit genommen, es ihnen zu erklären oder den Müll gemeinsam zu sortieren, aber es herrscht eben ein ganz anderes Verständnis vor. Ebenso bei Aufgaben wie der Treppenhausreinigung oder Mülltonnen an die Straße stellen. Natürlich möchte jeder eine gerechte Verteilung der Aufgaben, das bedeutet eben auch, dass jeder einmal dran ist, ohne Ausnahme.

Der nächste Punkt ist die Lautstärke. Die Syrer neigen dazu, lauter zu reden als wir. Wenn die Häuser noch dazu schlecht isoliert sind, fühlen sich die Nachbarn gestört.

Auch wenn man es sich nur schwer vorstellen kann, können sich Syrer und Afghanen nicht so gut leiden, was ab und zu zu Kleinkrieg führen kann. Manche ärgern sich absichtlich, indem sie nachts mit kleinen Bauarbeiten anfangen, um die anderen wach zu halten. Da tritt man auch als Schlichter auf oder versucht die Situation zu entschärfen, indem man sie räumlich besser trennt.

Warum hilfst du?

Wir ernten, was wir säen. Wir liefern die Waffen, richten keine legalen Herkunftswege ein: jetzt werden wir von den Konsequenzen überrollt. An der derzeitigen Situation sind wir selbst schuld. Meine Hochachtung gilt vor allem den freiwilligen Helfern, die unermüdlich ohne Bezahlung arbeiten.

Was war der lohnendste Moment für dich?

Alles hat sich gelohnt. Es hat schon so viele schöne Momente gegeben und ich bin dankbar, dass ich in Kontakt mit der Kultur kommen darf.