Foto: Dominik Butzmann

 

Menschen wollten mit allen Mitteln das schaffen, was den Behörden lange Zeit misslang

In der Flüchtlingshilfe gibt es bestimmt engagierte Menschen, die sich in ihrer ehrenamtlichen Arbeit bewusst auf das Grundgesetz oder vielleicht sogar auf die Bibel beziehen. Ich glaube jedoch, die allermeisten von ihnen folgen einfach ihrem Gewissen. Oder sind der Meinung, einen Beitrag leisten zu müssen, weil ihnen das Zusammenleben und der Zustand der Gesellschaft nicht egal sind.

Die genauen Motive sind wahrscheinlich genauso individuell und unterschiedlich, wie die Lebensläufe oder die jeweilige persönliche Situation der Helfer*innen. Das verbindende Element, die gemeinsame Motivation bleibt der Sinn für Gerechtigkeit.

Als wir 2016 das erste WelcomeCamp organisierten, um Initiativen zu vernetzen, Projekte sichtbar zu machen und unseren Beitrag für Weltoffenheit und Integration zu leisten, dachten wir vor allem an die Menschen, die eigentlich nach Deutschland gekommen sind, um Zuflucht zu finden. Doch in dieser Zeit brannten so viele Notunterkünfte wie noch nie und es wurde wieder, wie damals in Rostock-Lichtenhagen und Mölln, lautstark gegen Schutzsuchende demonstriert und gepöbelt.

Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, was solche seelischen und körperlichen Verletzungen für diejenigen bedeuten müssen, die ihr Eigentum oder sogar die Familie zurücklassen mussten und in der jüngeren Geschichte beinahe hingerichtet wurden, fast ihren Krankheiten erlagen und kurz davor waren, im Mittelmeer zu ersaufen.

Typisch deutsch?!

In der Folge wurde vielerorts gespendet, was Brieftaschen, Bankkonten und Kleiderschränke hergaben. Es gab Applaus an Bahnhöfen und Schlangen in den Notunterkünften, um zu helfen. Menschen wollten mit allen Mitteln das schaffen, was den Behörden lange Zeit misslang: Gerechtigkeit herstellen. Zwar nicht in der Welt, aber zumindest in der Heimat, die ihre Unschuld erneut zu verlieren schien.

Die Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren tatsächlich wieder offener, reifer und vor allem gerechter geworden – natürlich nicht nur weil es das WelcomeCamp gab oder gibt, jedoch trotz und wahrscheinlich auch wegen gegensätzlicher Bewegungen, die auf Abschottung und Ausgrenzung in Form von Deutschtümelei setzen.

Foto: Andreas Domma für zeigtgesicht.de

Laut Grundgesetz haben alle Deutschen das Recht ihren Arbeitsplatz frei zu wählen. Ein Teil dieser Freiheit ist es, sich an dem eigenen Wohnort für die Möglichkeit zu entscheiden, der Gesellschaft abseits des eigentlichen Jobs ehrenamtlich und gemeinnützig zu dienen. Das Ehrenamt ist tatsächlich typisch deutsch, wenn auch international weniger bekannt als die Autobahn, die Lederhose oder die Dramen von Goethe und Schiller. Aber es ist ohne Zweifel eine der bedeutenderen Errungenschaften der Bundesrepublik.

Denn das freiwillige Engagement sorgt wie kaum etwas anderes für kulturellen Austausch, unvoreingenommene Begegnungen sowie dringend benötigte Schutzräume und ist damit, innerhalb und neben der Verfassung, ein wichtiges Fundament unserer Gemeinschaft.

Lasst uns also das Grundgesetz nicht nur alle paar Jahre feiern, sondern als Ehrenamt verstehen, in dem wir uns persönlich und gemeinsam für etwas ganz Besonderes engagieren. Das wäre nicht nur aller Ehren wert, sondern eine wirklich gute Gesellschaft.

>> Bastian Koch vom Gesicht Zeigen!-Projekt »Media Residents« ist einer der Initiator*innen vom WelcomeCamp. Der Text erschien zuerst im Magazin „Gesicht zeigen!“ zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes.

WelcomeCamp Berlin am 29. Juni 2019

Europas größtes Barcamp für Integration und Willkommenskultur am FMP1.