Foto: Andi Weiland, andiweiland.de

Das Vorwort zum WelcomeCamp

Wie die meisten von euch haben auch wir im Sommer/Herbst 2015 das offensichtlichste getan und eine Notunterkunft in räumlicher Nähe, so lange es ging, mit Geld- und Sachspenden unterstützt.

Das war uns, wie vielen anderen auch, aber nicht genug. Wir wollten darüber hinaus Zeit und Kraft investieren, mit unseren bis dahin erworbenen Kompetenzen sowie den vorhandenen Netzwerken alles tun, um einen vor allem nachhaltigen Beitrag für das An- und Willkommen in Deutschland zu leisten.

War aber gar nicht so leicht, wie wir dachten. Lest selbst …

WIR sind das Volk

Die erste Idee, unser Engagement auf eine neue Ebene zu heben, war eine knallige und laute Kampagne gegen Rechts, für Weltoffenheit, im Internet.

Zwar wussten wir, dass Aufmerksamkeit selbst zunächst keine Mahlzeit, kein Spielzeug, keine Begleitung zum Amt, keine Übersetzung und sowieso keine Unterstützung in höchster Not ersetzt, waren aber motiviert genug, an die positive Macht der Worte und Bilder zu glauben und an das, was daraus entstehen könnte.

Aber: tatsächlich gab es bereits unendlich viele, zum Teil fantastische digitale Kampagnen, die zweifelsohne wichtig waren, die ehrlicherweise aber auch nur die Künstler*innen, Kreativen sowie vermeintlich Machtlosen abholten und in einer gewissen Lethargie bestätigten.

Getreu dem Motto „Gut, dass es endlich mal gesagt/gezeigt/angesprochen wird …“ (niemand der Geflüchteten oder Ehrenamtlichen jemals)

Eine psychologische Falle, in die wir ohne weitere Recherche auch getappt wären.

Also machten wir uns weitere Gedanken.

good news for the good people

Darüber, wie wir die Wahrnehmung auf die richtigen und wichtigen Dinge leiten könnten. Nicht die Montagsdemonstrationen, die Pöbeleien und die Anschläge, sondern die unzähligen Hilfsprojekte, Erfolgsgeschichten notwendiger sowie gelungener Integration und die nicht endende Bereitschaft weiter Teile der Zivilgesellschaft, sich zu engagieren, sollten in den Mittelpunkt gestellt werden, sichtbar werden und motivierend, mindestens inspirierend wirken.

Guter Plan! Fanden aber nicht nur wir. Und so lernten wir Initiativen und Projekte kennen, die mit ähnlichem Mindset und vergleichbaren Mitteln und Ideen – nur viel früher – einen entsprechenden Beitrag leisteten.

Es gab (und gibt immer noch) tolle Schaufenster ins Ehrenamt und regelmäßige Publikationen, die bestimmt keine Konkurrenz, aber Reichweite und Aufmerksamkeit verdienen, so dass die verschiedenen existenten Modelle und Projekte die notwendige Unterstützung bekommen.

Es musste für uns demnach gar nicht darum gehen, eigenes Engagement zu zeigen, sondern darum, ohne jegliches Ego etwas Greifbares für die vielen bestehenden Initiativen zu tun.

Suchen, Bieten, Finden, Helfen

Der Bedarf hieß damals (genau wie heute) Geld, Zeit, Sachspenden. Manchmal alles, manchmal nur eines davon. Manchmal wurden Windeln, Spielzeug, Getränke oder Klamotten benötigt – manchmal nur ein Lager oder jemand, der sich logistisch und vor Ort darum kümmert.

So entstand die mittlerweile dritte Idee, eine Plattform, die sämtliche Angebote und Nachfragen der Flüchtlingshilfe unbürokratisch koordiniert und vor allem zusammenführt.

Doch Überraschung! Gab es nämlich auch schon. Mehrfach, ähnlich, gleich, manchmal auch in direkter Nachbarschaft und fast immer unfertig. Das Chaos, das verhindert bzw. behoben werden sollte, wurde durch einen unnötigen Wettbewerb gut gemeinter Aktionen potenziert.

Ein Wettbewerb um Anerkennung, Bestätigung, Fördermittel und Geflüchtete, die teilweise selbst zu einer Ressource in einer neu entstandenen Ökonomie schrumpften.

Die Wahrheit war, es fehlte 2015/2016 nicht an Hilfsbereitschaft, Engagement, Ideen oder praktischen Lösungsansätzen für tatsächliche Herausforderungen, sondern an Sichtbarkeit, Austausch und anhaltender Motivation im Sinne der Geflüchteten. Traurig genug, dies noch einmal betonen zu müssen.

Dialog auf Augenhöhe

Keine Ahnung wie viele gute Ideen beim Bier in der S-Bahn oder konkret am S-Bahnhof Westkreuz entstanden sind. Aber das WelcomeCamp war zumindest eine davon. Wir mussten reden bzw. reden lassen. Die Idee zum Barcamp für Willkommenskultur und Integration (zu dem Zeitpunkt noch namenslos) war geboren.

Konkret hieß und heißt das, Newcomer und Ehrenamtliche, Einzelkämpfer*innen und Initiativen sowie Kollektive und Kreative zusammen zu bringen und bei einer Veranstaltung im Barcamp-Format für die Vernetzung zu sorgen; persönliche und gemeinschaftliche Herausforderungen zu formulieren, Hilfe einzufordern oder anzubieten, Schwäche zu zeigen und Kräfte zu bündeln, vor allem aber sicher zu stellen, im Hier und Jetzt das zu tun, was gebraucht bzw. erwartet wird und das zu kennen und zu fördern, was es schon gibt.

Wir investieren Zeit und Kraft, um mit unseren Kompetenzen sowie den vorhandenen Netzwerken einen nachhaltigen Beitrag für das An- und Willkommen in Deutschland zu leisten.

War eigentlich gar nicht so schwer.

Am 6. Juni findet das fünfte WelcomeCamp in Berlin am FMP1 statt. Wir freuen uns auf euch!

WelcomeCamp 2020