Foto: Henry Schröder

Herzlich willkommen in guter Gesellschaft!

Wann ist so ein WelcomeCamp mit über 100 Teilnehmenden eigentlich vorbei: mit der abendlichen Feedbackrunde, dem großen Aufräumen am Sonntag, den Danksagungen, der Dokumentation aller Sessions oder eben einer Auswertung dessen, was uns die Teilnehmenden zum diesjährigen WelcomeCamp in Form von Zensuren und Statements auf den Weg gegeben haben? Um ganz ehrlich zu sein, wollen wir gar nicht, dass es vorbei geht; sondern das Ganze im nächsten Jahr noch besser machen. Eure Meinung ist uns wichtig: Was ging? Was ging nicht? Sehen wir es uns an!

Nur die halbe Miete

Die guten Nachrichten zuerst: Über ein Viertel sind wiederkehrende Besucher*innen. Das heißt, gemeinsam war wir alle nicht soo schlechte Hosts; ein Barcamp lebt nun mal von der Power of the People. Besonders freut uns, dass ein weiteres Viertel über Freund*innen vom Camp erfahren hat. Es zeigt sich, dass die Netzwerk-Arbeit der vergangenen drei Jahre weiterhin Früchte trägt. Auf der anderen Seite fiel die Aufmerksamkeit für die Veranstaltung über die eigenen WelcomeCamp-Kanäle (Presse, Social Media, Poster/Plakate) im Vergleich zu den Vorjahren stark ab. Auch wenn dieses Minus durch die Kommunikation von Gesicht Zeigen!/Media Residents aufgefangen werden konnte, müssen wir unsere Arbeit hinterfragen, um nicht nur in unseren eigenen (wenn auch gewachsenen) Filterblase einen produktiven Austausch zu gewährleisten.

Erwartungen …

Wie schon in den vergangen WelcomeCamps erwarten die Meisten eine mehrwertige Informationsveranstaltung und die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Besonders toll finden wir, dass sich über die Hälfte der Teilnehmenden erhoffen, sich selbst sowie ihre Energie und Ideen einbringen zu können. So soll es sein: wir schlagen die Zelte auf, aber ihr seid das Camp.

… erfüllt?

Soweit die Ziele und Wünsche an das Orga-Team. Konnten wir liefern? Nun ja, wäre die untere Grafik eine Waage, kann sich die Bilanz sehen lassen. Es ist uns anscheinend gelungen, fast alle eure Erwartungen zu erfüllen. Bleibt die Frage: was hat zur Bestnote gefehlt, die wir in den ersten drei Ausgaben von den meisten Besucher*innen bekommen haben?

Das Barcamp: Ist unsere Herangehensweise die Richtige?

Bereits seit dem ersten WelcomeCamp gestalten wir das Event im Barcamp-Format. Es bestätigt sich, dass dies besonders für Initiativen und die ehrenamtlich Helfenden weiterhin sehr gut geeignet ist. Aus den Vorjahren haben wir mitgenommen, dass besonders für die Zielgruppen der Geflüchteten sowie für Menschen aus dem Bereich der Politik- und Wirtschaftsvertretung Anpassungen möglich und nötig sind.

In beiden Feldern konnten wir durch den offenen Ablauf und das Rahmenprogramm zu den Sessions Boden gut machen. Ein weiterer Aspekt liegt sicher in der immer weniger relevanten Sprachbarriere sowie die gemeinsamen Barcamp-Erfahrungen in Initiativen, Behörden und Unternehmen bei wiederkehrenden Gästen.

  • „Ein ungemein wertvoller Austausch zu Inhalten einer Ausstellung und positive Erweiterung des Bewusstseins für migrationssensible Arbeit.“
  • „Ich finde es ein wenig schade, dass häufig nur wenige (und dann auch die schon gut vernetzten) Geflüchteten den Weg zu solch einer Veranstaltung finden.“
  • „Vielleicht wäre es besser nicht die ganze Veranstaltung als Unkonferenz anzulegen und zumindest ein paar Sessions früher zu planen.“
  • „Ihr habt das ganz gut gemacht, genießt den Erfolg.“

Teilnehmende zum Barcamp-Ansatz

Die Sessions und ihre Themen

Schutzbedürftigkeit von Frauen, Diskriminierung, persönliche Rassismuserfahrungen, Möglichkeiten der Partizipation – die Themen waren dieses Jahr wieder sehr vielfältig. Im Durchschnitt wurden von allen Teilnehmenden trotz der Hitze mehr Sessions besucht und auch die Qualität in den Vorträgen und Diskussionen ist noch einmal gestiegen. Das  liegt natürlich nicht an uns, sondern an den Menschen und Initiativen, die diese Sessions angeboten und mit Leben gefüllt haben.

  • „Die Session zur Partizipation ist nicht reibungslos verlaufen, aber das ist ok. Wir brauchen genau solche Situation [sic!], wo unterschiedliche Ansichten vertreten werden und alle frei sprechen.“
  • „Die Session zum fotografischen Storytelling war sehr inspirierend.“
  • „Die Session zur Asylrechtsverschärfung war mir deutlich zu unkritisch, da der Gesetzesinhalt ja das Gegenteil von „Welcome“ ist.“
  • „Die Session zur doppelten Staatsbürgerschaft machte klar, wie schwierig es ist, das Konzept von multipler Zugehörigkeit nahe zu bringen.“

Teilnehmende über einzelne Sessions

In guter Gesellschaft, in bester Verfassung

Natürlich hat uns nach dem WelcomeCamp auch Feedback zur thematischen Klammer der Veranstaltung erreicht, die wir zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes gewählt haben. Dazu zählten neben Ausstellungen und Rahmenprogramm ein großer Teil der Sessions. Wir haben einen Ort geschaffen, an dem der Austausch zu persönlichen, politischen und rechtlichen Fragen ohne weiteres möglich und jederzeit willkommen ist. Es war wirklich eine tolle Gesellschaft interessanter und spannender Menschen, die nicht nur in den Sessions zum Thema für jede Menge Austausch und Erkenntnisse gesorgt haben.

Aber auch hier erreichte uns kritisches, aber durchaus konstruktives Feedback. Vereinzelte Befragte vermissen unter anderem Themen über globale Flüchtlingspolitik sowie O-Töne aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Darüberhinaus nehmen wir uns als Anregung für das nächste Jahr mit, noch mehr Flüchtlingsinitiativen außerhalb des Themenspektrums „Medien“ zu erreichen, euch mehr Platz für den persönlichen Austausch zu lassen und das Thema Umweltschutz noch wichtiger zu nehmen.

Zurück zur Eingangsfrage: Wann ist ein WelcomeCamp vorbei?

Es wird vorbei sein, wenn das Format nicht mehr gewünscht oder gebraucht wird. Wenn es andere, bessere Veranstaltungen gibt, um Geflüchtete, Initiativen und die Mitte der Gesellschaft an einen Tisch zu bringen. Bis dahin wollen wir mit euch zusammen weiter machen und mit der Organisation vom bzw. der Teilnahme am WelcomeCamp ein Vorbild dafür sein, wie man Willkommenskultur und Integration lebt: auf Augenhöhe, empathisch, neugierig, kritisch und selbstbewusst, zielstrebig und ergebnisorientiert, konzentriert und mit der bei aller Schwere notwendigen Leichtigkeit.

Wenn ihr wollt, wird das nächste WelcomeCamp mindestens genauso bunt und laut wie in diesem Jahr. Wir hoffen, wir sehen uns! Sagt gern bescheid, wenn ihr mit uns zusammen daran arbeiten möchtet.